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pax christi

menschen machen frieden - mach mit.

Unser Name ist Programm: der Friede Christi. 

pax christi ist eine ökumenische Friedensbewegung in der katholischen Kirche. Sie verbindet Gebet und Aktion und arbeitet in der Tradition der Friedenslehre des II. Vatikanischen Konzils. 

Der pax christi Deutsche Sektion e.V. ist Mitglied des weltweiten Friedensnetzes Pax Christi International.

Entstanden ist die pax christi-Bewegung am Ende des II. Weltkrieges, als französische Christinnen und Christen ihren deutschen Schwestern und Brüdern zur Versöhnung die Hand reichten. 

» Alle Informationen zur Deutschen Sektion von pax christi

Verena Nerz

Lieber Friedensfreund!

Deinen in pax info veröffentlichten Brief habe ich mit großem Interesse gelesen. Ich vermute, Du bist ein Mann, denn sonst würde dich das Gendern vermutlich nicht so ärgern. Und möglicherweise kennen wir uns ja auch persönlich, deshalb bleibe ich mal beim Du.

Vielleicht reagiere ich erst einmal auf Deine Einschätzung, wir hätten außerhalb unserer Blase wenig bis nichts erreicht, die der Veröffentlichung den Titel gab. Ich teile diese Einschätzung nicht. Es ist uns gut gelungen, Kreise außerhalb unserer "Blase" zu erreichen. In vielen Kontexten begegnen mir unsere Anliegen wieder. Die unverändert hohen Umfragewerte z.B. zur Kritik an den deutschen Rüstungsexporten oder der Aufrüstung im Sinn der Nato-2%-Ziele bestätigen das. Die "Bewahrung der Schöpfung" wird jetzt unter der Überschrift Klimawandel bis in die höchsten politischen Kreise ernst genommen, Thinktanks bereiten Gesetze vor, suchen nach Wegen, unser Wirtschaften nachhaltig umzuorientieren. Natürlich gibt es noch 1000 Ecken und Enden auf der Welt, um die man sich die größten Sorgen machen muss und es gibt weiterhin unendlich viel zu tun. Aber das ist ja alles kein Grund, unsere Arbeit resignativ als zwecklos abzutun.

Beim Weiterlesen hatte ich dann aber den Eindruck, es gehe Dir gar nicht darum, die Wirksamkeit unseres Engagements zu diskutieren, sondern Deine Vorbehalte gegen die Aufnahme von einer großen Zahl von Flüchtlingen zu formulieren. Ich möchte Dir zunächst auf der Meta-Ebene antworten. Du beklagst, es sei "in diesem Milieu" nicht möglich gewesen, gehört oder ernst genommen zu werden, Du habest dich in die rechte Ecke abgeschoben gefühlt, nachdem Du für Dein Engagement in früheren Jahren oft als Linker gegolten habest.

Ich finde, Du sprichst damit eine Gefahr an, die tatsächlich in Gruppen, Organisationen, Bewegungen bestehen, die sich gesellschaftskritisch positionieren und engagieren. Es braucht ja ein irgendwie umrissenes "Wir", einen gemeinsamen Grund, auf den man sich verständigt hat, damit man miteinander in eine ähnliche Richtung wirken kann. Nur aus einer solchen Verständigung heraus können dann einzelne Gruppen oder auch Einzelmitglieder im Namen und für die Bewegung öffentlich sprechen, Stellung beziehen, Forderungen stellen. Die Präambel unserer Satzung ist so ein Fundament. Und natürlich die vielen, vielen Beschlüsse unserer Delegiertenversammlungen, um die ja oft heiß gerungen wird.

Die Diskussionen zu den jeweils aktuellen friedenspolitischen Themen werden in pax christi in meiner Erfahrung durchaus kontrovers geführt. Und ja, ich stimme dir zu, nicht immer in einer wertschätzenden, ernst nehmenden Weise. Beflügelt vom eigenen Gefühl, moralisch und politisch richtig zu liegen, trennen Menschen nicht immer zwischen Argument und Person, es schleichen sich Rechthabereien, Abwertungen, Gereiztheiten in die Diskussion, die dem Diskurs nicht gut tun.

Ich vermute, dass das auch damit zu tun hat, dass es auf der Delegiertenversammlung immer Zeitdruck gibt, dass Entscheidungen anstehen, dass man ins Handeln kommen will. In unserer – kleinen – Basisgruppe haben wir uns gegönnt, uns mehr Zeit für den Austausch zu nehmen, unsere Ansichten und Einschätzungen durch die andere Sichtweise anderer in Fragenstellen zu lassen, weniger mit dem Ziel, uns gegenseitig zu überzeugen, als eben in dem Bemühen, die Vielschichtigkeiten und die Komplexität der jeweiligen Fragestellung deutlich werden zu lassen.

Solche Räume des gemeinsamen Nachdenkens, die Möglichkeit, in einem vertrauensvollen Rahmen auch einmal "ins Unreine" etwas auszusprechen, vielleicht auch konkurrierende Impulse im eigenen Denken und Fühlen nicht einfach zu glätten, die braucht es, wenn wir zu differenzierten Einschätzungen und abgewogenem Handeln kommen wollen. Ich kann gut verstehen, dass Du solche Gesprächsräume vermisst hast, mir fehlen sie manchmal auch. Vielleicht wäre es ja eine gute Idee, uns in kleinen Lese- und Debattenkreisen mit verschiedenen Themen vertiefend zu beschäftigen, Ergebnisse solcher Denkbewegungen miteinander zu teilen und weiter zu erörtern, kurz, pax christi auch als Raum anzusehen, in dem gemeinsam um Erkenntnis gerungen wird. Dazu müssten wir uns erlauben, uns Zeit zu nehmen, vielleicht eines der rarsten Güter in unserer Bewegung.

Friedensfördernd ist für mich nicht nur das Engagement für die "großen politischen Themen" sondern auch die Kultivierung eines wertschätzenden, aufmerksamen Dialogs untereinander. Nur so kann sich eine Gesellschaft jenseits von Machtspielen auf gemeinsames Handeln, auf gemeinsam Ziele verständigen. Und die Unfähigkeit, konstruktiv mit Konflikten umzugehen, ist ja die Wurzel von Unfrieden und der Eskalation zu Gewalt.

Wenn es uns als Friedensbewegung also gelänge, da beispielgebend Kommunikationsformen und eine Gesprächskultur zu entwickeln, in der eben auch sehr gegensätzliche Ansichten miteinander ausgetauscht werden können, wäre das sicher eine gute Voraussetzung auch mit Menschen und Gruppen in einen guten Dialog zu kommen, die uns völlig fremde Meinungen vor sich hertragen. Das wäre ein guter Kontrapunkt zu dem oft aggressiven Ton, der sich in den "sozialen" Medien ausbreitet und hätte aus meiner Sicht viel mit Prävention zu tun.

Auch inhaltlich möchte ich Dir einiges antworten. Ich stimme dir nicht zu, wenn Du meinst, die Folgen von "unbegrenzter Migration" könne nicht durch "Gutmenschentum" aufgefangen werden. Ob solche Einwände, wie du sie formulierst, in pax christi generell tabuisiert werden, kann ich nicht abschätzen. Aber von "unbegrenzter Migration" redet ja eigentlich niemand und Menschen, die sich bemühen, als gute Menschen auf ihre Mitmenschen zuzugehen, haben in den letzten Jahren für die Integration von Geflüchteten sehr viel Vernünftiges bewirkt. Ich habe mich geärgert, als vor einigen Jahren begonnen wurde, solches Bemühen als Gutmenschentum abzuwerten. Unsere Gesellschaft wäre wahrhaftig ärmer und kälter, wenn all die Menschen aufhören würden, sich zu engagieren, die das aus dem schlichten und schönen Motiv heraus tun, zu anderen gut zu sein, bzw. die eigenen Werte auch zu leben. Das meiste ehrenamtliche Engagement speist sich aus dieser Quelle.

Du sprichst mehrere Aspekte an, die im Zusammenhang mit Flucht und Migration tatsächlich nicht so leicht zu lösen sind: Wohnungsmarkt und Bildungswesen, Parallelgesellschaft, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, Wertepluralität, alles sehr komplexe Themen. Jetzt komme ich an den Punkt, an dem ich gerne direkt mit Dir sprechen würde, dich nach Deinen Ideen, Vorschlägen, Lösungsansätzen fragen möchte. Denn es ist ja schade, wenn einer von uns das Gefühl hat, nur noch gehen zu können. Dann fehlt ja, was Du zu sagen hättest! Ich würde gerne von Deinen Erfahrungen hören, von meinen erzählen. Und im Gespräch – da bin ich sicher – würden sich unsere Fragestellungen verändern. Und wir würden neue Aspekte sehen lernen. Und wir könnten aus verschiedenen Perspektiven darauf schauen.

Ich finde es als Christin und als friedensbewegter Mensch unumgänglich, mich dafür einzusetzen, dass Menschen nicht zu Tausenden auf der Flucht ertrinken, verelenden, verhungern oder verdursten. Angesichts dieses Leids einfach achselzuckend zu werden, ist für mich keine Option.

Allerdings- auf der Eskalatationsstufe, auf der wir uns befinden - sind keine wirklich "vernünftigen" Lösungen mehr möglich. Wenn Menschen so verzweifelt sind, dass eine Veränderung ihnen den Einsatz ihres eigenen Lebens wert ist, wenn alles besser ist, als da zu bleiben, wo man ist, dann geht erst mal nur Nothilfe. Aber natürlich kann es nicht der Weg sein, zuzusehen, wie immer mehr Gegenden der Welt zu Orten existenzieller Not, Unfreiheit, Gewalt werden, von denen man nur noch fortlaufen kann, und dann alle aufzunehmen, die es irgendwie hierherschaffen.

Wir werden nicht umhinkommen, mehr innergesellschaftliche und weltumspannende Solidarität zu praktizieren. Wir werden lernen müssen, zu teilen, was wir haben, unsererseits bescheidener zu werden, uns z.B. selbst um unsere alte Generation zu kümmern, anstatt "die Polin" anzuheuern, die dafür ihre eigenen Kinder, ihre eigenen Angehörigen unversorgt zuhause lässt. Wir werden hinschauen müssen, unter welchen Bedingungen in unserem Land Menschen in der Landwirtschaft und anderen Billiglohnsektoren arbeiten. Wir brauchen dringend mehr Zeit für die Kinder. Sie brauchen die Resonanz zugewandter, interessierter Erwachsener. Natürlich muss Wohnraum gerechter verteilt sein, brauchen wir eine gute kulturelle Infrastruktur, Zugang zu Bildung für alle. Natürlich muss Wohlstand auf der ganzen Welt gerecht verteilt sein. Wir leben auf Kosten so vieler anderer Menschen. Da muss ich etwas ändern. Und gerade deshalb will ich mich nicht damit abfinden, dass das Geld und die Energie und die Zeit, die wir zur Lösung unserer weltweiten Probleme brauchen, dauernd in militärische Projekte und in kriegerische Auseinandersetzungen gesteckt werden.

Migration gehört zum Menschsein. Sie war leider auch immer schon begleitet von blutigen Auseinandersetzungen, von Eroberung, Vertreibung Unterdrückung. Aber Globalisierung könnte ja auch bedeuten, dass wir uns als Menschheit Neues aneignen. Wir können lernen, konstruktiv und friedlich mit dem Fluktuieren von Menschen und Menschengruppen auf dem Erdball umzugehen, wenn wir bereit sind, das ebenso tief im Menschen verwurzelte Bedürfnis nach Gerechtigkeit ins Spiel zu bringen, um nach fairen Lösungen zu suchen.

Deine Einwände sind in diesem Zusammenhang hilfreich, wenn sie eben nicht als Argumente gegen die Aufnahme neuer Gruppen in die Gesellschaft verwendet würden, sondern als Hinweise, was alles zu bedenken und zu lösen ist, damit diese Aufnahme gelingt. Wir könnten herausfinden, wie wir Migration steuern, sodass sie gesellschaftsverträglich ist, so wie gute Stadtplaner:innen für eine gute soziale Durchmischung in Stadtvierteln sorgen, damit diese lebendig und attraktiv bleiben. Wir müssten vielleicht auch unsererseits mit unserem Bewegungsdrang etwas Zurückhaltung lernen und nicht ungeniert als Touristen die letzte Bucht, das kleinste Gässchen, die letzten Naturparadiese fluten, sondern eher fragen, ob wir der jeweiligen Gegend als Gäste auch gut tun.

Du findest die Seenotrettung unverantwortlich, schreibst Du gegen Ende deines Briefs. Wo siehst Du denn alternative Lösungen, was wäre dafür zu tun, diese umzusetzen? Wie könnte verhindert werden, dass Menschen auf diese Weise ihr Leben riskieren (und verlieren)? Wie könnte verhindert werden, dass gerade die Stärksten, die Mutigsten ihre Länder verlassen und dann auf den Gemüsefeldern Europas landen? Ich finde, dass wir über all diese Themen tatsächlich sprechen müssen. Aber ich finde es definitiv keine Option, diese Fragen durch "Abschreckung" lösen zu wollen, sei es indem man einfach nicht hilft, sei es indem man Frontex und Co. losschickt um die Menschen zurückzudrängen, sei es, dass man Anrainerstaaten dafür bezahlt, uns die "Last" abzunehmen.

Zum Schluss möchte ich Dir noch etwas Persönliches schreiben. Mir geht es auch manchmal so, dass ich ganz erschöpft denke: was nützt denn das alles, wofür ich mich abstrampele? Und dann hilft es mir, dass ich mich als Christin auf einen berufe, der eigentlich überhaupt keinen Erfolg hatte, dessen Botschaft aber ein wunderbares "trotzdem" des Lebens ist. Das hilft mir, bescheiden zu bleiben, meinen winzigen Wirkungsgrad zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass jedes kleinste bisschen "gut" in den Plan dessen eingebaut ist, der einst "sah, dass es gut war", auch wenn der kein "Der" ist und es natürlich keinen Plan gibt, sondern das alles nur unsere etwas hilflosen Versuche sind, in Bilder und Worte zu fassen, dass wir dem Leben und dem Guten vertrauen wollen.

Mit herzlichen Grüßen
Verena Nerz, Reutlingen
ehemalige Sprecherin von pax christi Rottenburg-Stuttgart,
Mitglied im Erweiterten Vorstand
Mai 2021